Die Buchenerkrankung in der Region Wallonien

Olivier Huart, Universität, Fakultät für Landwirtschaftswissenschaften – Fachbereich Forstliche Bewirtschaftung und Betriebswirtschaft, Gembloux

(Kurzfassung eines Vortrages anlässlich eines Symposiums zur Buchenkomplexkrankheit am 16. und 17. August 2001 in Prüm)

Seit fast zwei Jahren sind in Belgien die wallonischen Buchenwälder, die hauptsächlich in den Ardennen und in der Gaume stocken, Opfer einer Erkrankungsproblematik, deren waldbauliche und wirtschaftliche Auswirkung seit dem Beginn des Jahres 2001 geradezu katastrophal erscheint. Eine Mitte 2000 begonnene Untersuchung ermöglichte eine Vielzahl von Feststellungen und die Aufstellung verschiedener Hypothesen (Huart, 2001, Huart und Rondeux, 2001) zum Beginn und zum Fortgang einer Erkrankung, wobei vor allem holzzerstörende Pilze und holzschädigende Insekten beteiligt sind.

Die aktuellen Krankheitserscheinungen der Buchenwälder in den Ardennen und in der Gaume unterscheiden sich in mehrfacher Hinsicht von anderen „Buchensterben“. Vor allem das Merkmal ihres vergleichsweise plötzlichen Auftretens, die geographische Ausdehnung und die Schärfe verleihen diesem Phänomen ein regelrecht außerordentliches Ausmaß, das in der Literatur seinesgleichen zu suchen scheint.

Borkenkäfer- oder pilzbefallene Buchen traten erstmals 1999 bemerkbar in Erscheinung und dann vor allem auf sehr auffallende Weise im Frühjahr 2001. Ab Anfang März 2001 war der Frühling von weiterem Borkenkäferbefall geprägt, der sehr massiv und spektakulär wurde und dies auch an bisher nicht befallenen Buchen.

Für das Vorhandensein und die Häufigkeit befallener Bäume in den Buchenwäldern eines bestimmten Gebietes scheinen die Höhenlage und Plateau- oder Nordost-Oberhanglage bestimmende Faktoren zu sein. So findet man betroffene Bestände fast ausschließlich oberhalb von etwa 340 m üNN und besonders verschärft auf Plateaus und nordostexponierten Gefällsbrüchen. Dagegen scheint für sich genommen kein erkennbarer Zusammenhang zwischen boden- und vegetationskundlichen Faktoren und dem Erkrankungsumfang zu bestehen.

Innerhalb der Bestände selbst streut die Zahl der betroffenen Bäume erheblich zwischen weniger als einem und bis zu 50 – 70 Bäumen pro ha. Alle Stärkeklassen sind betroffen, wobei die Buchen mit mehr als 150 cm Umfang (in 1,5 m Höhe) allgemein als am meisten geschädigt erscheinen.

Die Symptome an den betroffenen Bäumen sind häufig, aber nicht unbedingt in Mehrzahl zu finden. Es handelt sich vor allem um das Auftreten von:

- Bohrmehlauswurf durch holzbesiedelnde Insekten (v.a. Trypodendron domesticum, T. signatum, Anisandrus dispar, Hylecoetus dermestoides)
- Pilzfruchkörpern
- schwarzen Flecken auf den Stämmen
- Rindenablösungen
- Rotfärbung des Laubs (Feinäste im unteren Kronenbereich, oft unsymmetrisch).

Im Jahr 2000 befanden sich die Anfangssymptome fast in Nordost- bis Nordwestexpositionen und in größerer Baumhöhe. Im Frühjahr 2001 zeigten sich die Symptome weiterhin vorzugsweise in Nordost- bis Nordwestexpositionen, nunmehr aber häufiger im Nordwestbereich und am Stammfuß.

Auf Grundlage der bisherigen Beobachtungen und Untersuchungen und für die 1999 und 2000 festgestellten Schäden scheint als Erklärungshypothese am plausibelsten: Danach mag ein punktuelles Ereignis klimatischen Urspruchs in Form eines plötzlichen Kälteeinbruchs nach einer milden Witterungsperiode vermutlich im Herbst 1998 der auslösende Faktor gewesen sein, der Schädigungen der Rinden- und Bastgewebe bevorzugt an den Nordost- bis Nordwestseiten der Stämme hervorrief. Nach dem Absterben der geschädigten Gewebe führten ihre Nekrose und ihre nachfolgende Fermentation zum Austritt von Stoffen (v.a. Äthanol), die Lockwirkung auf verschiedene Arten holzbesiedelnder Insekten entfalteten. Gleichzeitig konnten die abgestorbenen Gewebe rasch von verschiedenen Arten holzzerstörender Pilze besiedelt werden. Im Zuge der Holzschädigung, kam es mehrmals zu weiterem Befall durch Insekten und Pilze, der dann zu fortschreitender Holzzersetzung beitrug. Viele Einzelgesichtspunkte sprechen zur Erklärung der zahlreichen festgestellten Symptome für ein Klimaereignis als auslösenden Faktor. Wenngleich Kälteeinbrüche zum belgischen Klima dazugehören, so kann doch ihr Auftreten in Verbindung mit der Baumphänologie und mit der vorherigen Witterung sehr verschiedenartige Auswirkungen zeitigen. So muss im Zusammenhang mit einem starken Temperaturabfall, die Eintrittsgeschwindigkeit des festgestellten Temperaturunterschieds, die Windgeschwindigkeit und –richtung, der eventuelle Einfluss von Schneefällen, aber auch und besonders der physiologische Baumzustand zum Eintrittszeitpunkt des Klimaereignisses berücksichtigt werden.

Die hauptsächlich beteiligten Insekten, die als Besiedler von Bäumen in fortgeschrittenem Absterben oder mit nekrotischen Rindenschädigungen bekannt sind, würden in Wirklichkeit nur ein nachgelagertes Problem darstellen, das ohne Entrindung des Stammes leider schwer zu entdecken ist.. Die nach Witterungsereignissen abgängigen oder aus ihrem Gleichgewicht gebrachten Bäume wurden für Borkenkäfer befallstauglich und bildeten zahlreiche Brutstätten. Die Populationshöhe von Trypodendron steigerte sich auf ein sehr großes Maß an und wurde augenscheinlich nicht durch für ihre Entwicklung ungünstige Witterungsverhältnisse konterkariert.

Viele im Frühjahr 2001 neubefallene Buchen wiesen keine großen Rindenschädigungen auf, wie noch im Jahr 2000 festgestellt, wohl aber in den befallenen Stammbereichen kleine nekrotische Rindenflecken, die manchmal bis zum Kambium reichten. Bei unseren laufenden Untersuchungen wollen wir die Ursache dieser kleinen Nekrosebereiche herausfinden.

In Einzelfällen zeigen betroffene Buchen das charakteristische Erscheinungsbild nach Befall durch Wollschildlaus (Cryptococcus fagi Baer) und/oder durch Nectria coccinea, die die klassische Buchenrindenkrankheit hervorrufen.

Es deutet darauf hin, dass sich der im Frühjahr 2001 vermutete Primärcharakter des Tryprodendronbefalls nicht bestätigt, aber es könnte gut möglich sein, dass sich die Borkenkäferpopulation dermaßen erhöht hat, dass die geringste Schwäche eines Baumes diesen in die Kategorie der borkenkäferbesiedelbaren Kandidaten abrutschen lässt, während er in normalen Zeiten dafür nicht prädestiniert wäre.

Zum Abschluss werden die Folgen auf wirtschaftlichem, ökologischem und waldbaulichem Gebiet angesprochen.

Huart, O., 2001: Analyse des mortalités brutales du hêtre en forêt wallonne. Rapport final de convention. Faculté universitaire des Sciences agronomiques de Gembloux, Gembloux, 63 S. u. Anh.

Huart, O., Rondeux, J., 2001: Mortalités du hêtre en forêt wallonne : synthèse illustrée des principaux symptômes observés et conseils d´intervention lors du martelage. Note d´information no.2. Faculté universitaire des Sciences agronomiques de Gembloux, Gembloux, 5 S.