Zur Epidemiologie des Buchensterbens auf Bestandesebene

Jörg Lunderstädt,
Institut für Forstzoologie und Waldschutz, Georg-August-Universität, Göttingen

(Kurzfassung eines Vortrages anlässlich eines Symposiums zur Buchenkomplexkrankheit am 16. und 17. August 2001 in Prüm)

Die Buchen-Komplex-Krankheit ist gekennzeichnet durch Wollschildlausbefall, Schleimfluss, Nekrosebildung, Befall durch holzzerstörende Käfer und Pilze. Diese Reaktionsfolge kann in Abhängigkeit von Genotyp, Kleinstandort und forstlichen Maßnahmen auf jeder Stufe anhalten, erkennbar an den Alternativen Ausheilungsreaktionen, Dauernekrosereaktion oder Baumtod. Ein gemeinsames Maximum der Einzelsymptome der Erkrankung ist in der Regel schwer zu erkennen, da innerhalb der betroffenen Buchenpopulation Symptomabfolge und Symptomumfang für die einzelnen Bäume asynchron verlaufen. Eine zeitgleiche Untersuchung an zwei verschiedenen Forstorten ergab sehr ähnliche Werte für alle Merkmalskombinationen zwischen Wolllausbefall, Schleimfluss und Nekrosereaktion.

Summarisch über alle Flächen betrachtet lag das Maximum für Wolllausbefall und Nekrotisierung bei etwa 30 – 40 cm starken Buchen. Jedoch zeigte sich auf Kleinstandortsebene ein sehr differenziertes Bild; mit gewichtigen Ausnahmen ist die Tendenz zu erkennen, dass in den hohen Altersklassen der Lausbefall ab und die Nekrotisierung zunimmt. Das individualspezifische Verhalten des Einzelbaumes in dem selben Kollektiv aus 30 Buchen hinsichtlich der Symptomausbildung einmal nach der Zeit und einmal nach dem Einzelbaum betrachtet, ergab dass im ersten Fall Schleimfluss verstärkt bei Lausbefall auftritt und dass das Nekrosemaximum mit einem Wolllausminimum zusammen fällt. Im 2. Fall, in dem die Reaktionen der Einzelstämme nach Stärke des Wolllausbefalles geordnet sind, ist die starke individuelle Bandbreite der Nekrosereaktion zu erkennen.

Eine Analyse mit 12 Merkmalskombinationen aus Standort, Wasserhaushalt und Bestandesalter zeigte, das mit einer Ausnahme der BHD befallener Bäume geringfügig höher als bei unbefallenen ist. Damit stimmt das Ergebnis einer soziologischen Analyse überein, nach der der stärkste Befall mit den geringsten Abweichungen bei mitherrschenden und herrschenden Buchen auftritt. Während der Nährstoffhaushalts offenbar keinen Einfluss auf die Befallsstärke hat, wirkten sich Wasserhaushalt und Bestandesalter sehr deutlich aus. Mittelalte und Altbestände auf frischen Standorten sind besonders disponiert. Als differenzierende kleinstandortabhängige Wechselwirkung zwischen Baum und Laus zeigte eine Mehrfaktorenanalyse, das Wolllausbefall auf frischen Standorten durch raschen Austrieb, auf mäßig frischen Standorten durch verzögerten Austrieb gefördert wird. Innerhalb dieser Grenzwerte treten alle Übergänge auf. Der Einfluss der Durchforstung auf phänologische Parameter und Befall wurde über eine vielgliedrige Mehrfaktorenanalye untersucht. Für die Wechselwirkung der phänologischen mit den ätiologischen Parametern ergaben sich durchforstungsbedingt zwei gut getrennte Äquipotentialflächen, gemäß denen für eine bestimmt Zeit nach dem Eingriff der Befall durch die Laus erhöht ist.

Nach meiner Einschätzung erreicht ein Dispositionsschub für Wolllausbefall mit zeitlich versetzten Folge- und Begleitreaktionen alle 30 Jahre etwa 5 Jahre lang epidemische Ausmaße. Er resultiert aus dem zeitlichen Abstand zum letzten starken Befall, dem Ausmaß und der Dauer der damals ausgelösten induzierten Resistenz und außergewöhnlichen Witterungserscheinungen. Die Befallscyclen in dem System Buche-Buchenwollschildlaus sind als integrales Element der Selbstregulierung im Zuge der Coevolution anzusehen. Ihre Folgen können im Einzelfall wirtschaftlich bedrohliche Ausmaße annehmen, führen aber nicht zu einem Zusammenbruch der Bestände. I. d. R. überstehen bei geordneter Forstwirtschaft großräumig etwa 70 % der befallenen Bäume die Krankheit. Die verschiedenen Steuerungsprinzipien bei Selbstregulierung (Optimierung) und Fremdregulierung durch den Menschen (Maximierung) erfordern gründliche Beobachtung vor Ort, differenzierende Anwendung sanitärer Hiebe und Sicherung der Kontinuität altersungleicher und genetisch vielfältiger Bestände.